George Walthers Power Talking ist zeitlos
Power Talking ist eine Methode des Amerikaners George Walther. Es geht darum, direkt auf den Punkt zu kommen, und dabei immer eine positive Stimmung zu vermitteln.
BV
2/12/20264 min read
Positivität
Grundannahme von George Walther ist es, dass bestimmte Wörter bei allen Menschen negativ besetzt sind, während andere positiv besetzt sind. Das gilt sowohl für den Sprechenden selbst, als auch für jeden Zuhörer.
Als negativ gelten Wörter wie: Spät, muss, leider, verhindern, usw.
Als positiv gelten Wörter wie: Schnell, darf, kann, sicher, usw.
Aufbauend auf dieser Grundannahme wird empfohlen, dieselben Botschaften mit positiven, statt mit negativen Wörtern auszudrücken. Die Botschaft bleibt gleich, die Färbung ändert sich.
Hier einige Beispiele aus dem Buch "Sag, was du meinst, und du bekommst, was du willst" von George Walther. Negative Wörter habe ich rot eingefärbt, positive grün, damit der Unterschied sofort sichtbar wird.
Telefonist ohne Power Talking im Gespräch mit einem Anrufer: "'Es tut mir leid, aber ich kann Ihnen da nicht weiterhelfen. Die zuständige Abteilung macht erst um zehn Uhr auf. Sie müssen später noch einmal anrufen."
Telefonist mit Power Talking im Gespräch mit einem Anrufer: "Die Elektronikabteilung macht um zehn Uhr auf. Ich helfe Ihnen gern und reiche Ihre Nachricht an meine Kollegen weiter. Wie ist Ihr Name bitte?"
Weiteres Beispiel:
Telefonistin ohne Power Talking, die eine Information nicht parat hat: "Ich muss mal nachsehen..."
Dieselbe Telefonistin, diesmal mit Power Talking: "Ich sehe gern mal nach..."
Der Unterschied, gerade im zweiten Beispiel, scheint sehr gering. Walther weist darauf hin, dass durch die Wiederholungen etwas mit uns geschieht. Wenn wir hunderte Male am Tag das Wort "müssen" - in all seinen Ausprägungen - verwenden, geht es uns schlecht.
Hier weitere Beispiele von mir, für jeden anwendbar:
Statt: Ich muss heute noch einkaufen besser "ich werde heute noch einkaufen."
Statt: "Ich komme immer zu spät" besser "Ich will pünktlicher werden."
Statt: "Ich muss heute noch zur Werkstatt, das Auto abholen" besser "ich kann heute das Auto in der Werkstatt abholen."
Und statt: "Die neue Excel verhindert, dass Rechnungsnummern versehentlich doppelt vergeben werden" besser "durch die neue Excel stelle ich sicher, dass jede Rechnungsnummer genau ein Mal vergeben wird."
Positives Denken? Es geht für den Anfang auch ohne.
Das schöne an dieser Methode ist: Man braucht nicht an sie zu glauben. Es genügt sie anzuwenden. Ich habe sie mir zur Gewohnheit gemacht, und das Wort "muss / müssen", welches ich früher gewohnheitsmäßig oft verwendete, fast vollständig aus meinem aktiven Wortschatz verbannt. Es stellt sich dadurch eine positive Grundstimmung ein, die natürlich auch auf andere abfärbt. Zum Beispiel, indem sie wahrnehmen, dass sie gerne mit mir kommunizieren, auch wenn sie vielleicht nicht genau wissen, was ihnen an der Kommunikation mit mir gefällt.
Negativ Reden - das neue Rauchen?
Ich finde es angemessen, negatives Denken und Reden mit ungesundem Essen oder Rauchen gleichzusetzen. All dies sollte man nicht im Übermass machen. Besser so selten wie möglich. Negative Wörter zu gebrauchen oder häufig zu hören, ist wahrscheinlich so gesundheitsschädlich, wie Rauchen oder ungesunde Ernährung. Und bei all diesen Dingen zeigen sich die Auswirkungen oft erst nach vielen Jahren.
Ehrlichkeit und Direktheit
Power Talking soll auf den Punkt kommen. Ehrlich, schnell und direkt.
Ein Beispiel aus dem oben genannten Buch.
Statt: "Wir können nicht schon wieder Geld für neue Möbel ausgeben. Ihre Abteilung muß sich mit den Schreibtischen und Bürostühlen begnügen, die Sie haben" besser "Wir werden im Augenblick keine Mittel für neue Möbel bereitstellen. Obwohl eine Investition in ergonomische Stühle und Tische zu einer höheren Produktivität führen könnte, versprechen wir uns im Moment von anderen Investitionen mehr Gewinn."
Die zweite Formulierung ist wertschätzend und anerkennend, und gleichzeitig ist sie vollkommen direkt und ehrlich.
Was macht es herausfordernd, Power Talking anzuwenden?
Der Grundsatz, immer positiv zu sprechen, scheint in Widerspruch damit zu stehen, aufrichtig zu sein. Zumindest immer dann, wenn wir etwas ungerne tun. Nur die wenigsten Menschen machen gerne ihre Steuererklärung oder lassen sich gerne operieren. Hier helfen meiner Meinung nach neutrale Formulierungen.
Beispiel: Statt "ich darf am Wochenende meine Steuererklärung machen" oder "ich habe die tolle Gelegenheit, am Wochenende meine Steuererklärung zu machen" (beides wäre unaufrichtig) besser "ich habe mir für das Wochenende Zeit geblockt, um meine Steuererklärung zu machen" oder "ich habe mir vorgenommen, am Wochenende meine Steuererklärung zu machen." Die beiden letzten Formulierungen klingen neutral oder leicht positiv, ohne dabei unaufrichtig zu sein.
Wenn es darum geht, Wünsche oder Forderungen, die wir nicht erfüllen wollen, abzulehnen, kann ein anderes Hindernis auftauchen: Wir fürchten uns vor einer Konfrontation oder wollen den Gegenüber nicht enttäuschen. Hierfür kann es helfen, sich Bedenkzeit zu erbitten, um dann eine gut formulierte Antwort zu geben.
Kommunikation in Deutschland im Jahr 2026
Aus den Empfehlungen George Walthers hat leider nur eine einzige wirklich Verbreitung in Deutschland gefunden: Statt "Problem" von einer "Herausforderung" zu sprechen. Hierüber wird oft gewitzelt, und das durchaus zurecht: Für mich ist diese Empfehlung eine der schwächsten Empfehlungen von George Walther, denn sie verwässert am ehesten eine klare Botschaft und kann schnell unaufrichtig werden.
Mir wäre es lieber, die vielen sehr wertvollen Empfehlungen von George Walther hätten mehr Verbreitung gefunden. Insgesamt sind aber durchaus positive Veränderungen erkennbar. Die noch vor einigen Jahrzehnten gebräuchliche Floskel "Sie müssen (verstehen, begreifen, usw.)" ist weitgehend aus Verkaufsgesprächen verschwunden. Und immer häufiger sprechen Menschen davon, etwas lernen zu dürfen, statt etwas lernen zu müssen. Statt "ich muss hier etwas dazulernen," dann: "Ich darf hier etwas dazulernen."